Wenn Vorurteile den Alltag bestimmen – Zehras Geschichte

Zehra Yildizgil ist 27 Jahre alt und seit ihrer Geburt blind. Sie ist lebensfroh, humorvoll und verfolgt ihre Ziele mit großer Entschlossenheit. Sie hat eine Ausbildung abgeschlossen, Zeit im Ausland verbracht und gestaltet ihr Leben selbstbestimmt. Doch immer wieder erlebt sie, dass andere Menschen sie auf wenige Merkmale reduzieren – und ihr Fähigkeiten absprechen, bevor sie sie überhaupt kennengelernt haben.

In diesem Interview spricht Zehra offen über ihren Alltag, die Herausforderungen, die fehlende Barrierefreiheit mit sich bringt, und über Situationen, in denen andere über ihren Kopf hinweg entschieden haben. Besonders prägend sind ihre Erfahrungen mit Vorurteilen und antimuslimischem Rassismus – in der Schule, bei Bewerbungen und im täglichen Leben.

Ihre Geschichte zeigt, dass nicht ihre Behinderung sie am meisten einschränkt, sondern die Schubladen in den Köpfen anderer Menschen. Mit Offenheit, Mut und einer klaren Botschaft setzt sie sich für mehr Teilhabe, Respekt und ein Miteinander ohne Vorurteile ein.

Das ist Zehras Geschichte.

Videobeschreibung: Eine Frau mit rosafarbenem Kopftuch und blauer Kleidung sitzt in einem Interview und blickt leicht zur Seite. An ihrer Kleidung ist ein Ansteckmikrofon befestigt. Im Hintergrund steht ein Roll-up des Vereins Dima mit dem Slogan „Inklusion mit allen!“, den Social-Media-Symbolen und einem QR-Code. Die Aufnahme entstand in einem hellen Innenraum und vermittelt eine ruhige, konzentrierte Gesprächssituation.

Das Projekt wurde gefördert durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI).

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Ein Mensch kennt dich noch nicht:
Wie stellst du dich vor?

Mein Name ist Zehra Yildizgil.

Ich bin 27 Jahre alt.

Ich bin seit meiner Geburt blind.

Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil von mir.

Wichtiger sind:

  • meine Hobbys
  • meine Träume
  • meine Ziele

Ich lese gerne.

Ich schwimme gerne.

Ich verbringe sehr gerne Zeit mit meinen Freundinnen.

Und mit meiner Familie.

Ich gelte als sehr lustig.

Ich bin sehr selbstbewusst.

Ich bin sehr einfallsreich.

Und ich bin sehr empathisch.

Empathisch heißt:

Ein Mensch kann gut mit anderen Menschen mitfühlen.

Ich habe jetzt eine Ausbildung gemacht:

Kauf·frau für Büro·management.

Und ich war im Ausland.

Dort habe ich mich weiter·gebildet.

Jetzt finde ich gerade heraus:

Was möchte ich machen?

 

Wo ist der Alltag eine Herausforderung?
Wo brauchst du viel Kraft oder Organisation?

Es fängt schon bei alltäglichen Aufgaben an.

Zum Beispiel das Einkaufen.

Dafür brauche ich sehr viel Kraft und Organisation.

Ich muss immer überlegen:

Okay, wie gehe ich jetzt vor?

Frage ich jemanden an der Kasse?

Oder kann ich zum Beispiel „Be My Eyes“ benutzen?

Das ist eine App.

Die App verbindet mich mit einer freiwilligen Person.

Das passiert mit einem Video.

Die Person führt mich dann durch den Laden.

Das muss ich immer vorher planen.

Das braucht sehr, sehr viel Kraft.

Am Ende weiß ich gar nicht mehr:

Okay, wie viel Zeit habe ich überhaupt?

Oder wenn ich mit dem Zug reisen möchte.

Ich kann nicht einfach irgendwo hinfahren.

Ich brauche andere Menschen.

Das muss ich gut planen.

Ich kann nicht einfach das Gleis wechseln.

Die Gleise können an unterschiedlichen Stellen sein.

Die Gleise können in unterschiedlichen Stock·werken sein.

Das braucht viel Kraft.

Es gibt ja nur diesen Leit·streifen.

Leit·streifen sind auf dem Boden.

Erklärung:

Die Leitstreifen zeigen:

Wo geht ein Weg entlang?

Es gibt keine anderen Leit·systeme.

Deshalb organisiere ich vorher Hilfe.

Ich rufe eine Telefon·nummer an.

Ich sag dann:

  • Wo möchte ich hin?
  • Wie fahre ich?

So klappt es am besten.

 

Treffen Menschen manchmal Entscheidungen für dich?
Ohne dich vorher zu fragen?

Ich bin jetzt erwachsen.

Das kommt jetzt nicht mehr so oft vor.

Gott sei Dank.

Aber in der Schule schon:

Da haben meine Lehrer oft entschieden.

Zum Beispiel über meine Zukunft in der Schule.

Oder über meine Zukunft im Beruf.

Die Lehrer dachten:

Sie wissen es am besten.

Aber:

Ich habe deutlich meine Wünsche und Ziele gesagt.

Die Lehrer haben das nicht ernst genommen.

Sie sind meinen Wünschen nicht gefolgt.

Und ich war schon älter.

Ich wusste:

Was ist für mich gut?

Was nicht?

Das war für mich keine Hilfe.

Das war einfach eine Entmutigung.

Ich wurde nicht ernst genommen.

Das war absolut nicht förderlich.

 

Du hast einen muslimischen Hintergrund.
Hast du deshalb Vor·urteile erlebt?

Ich war an unterschiedlichen Schulen:

An einer Regel·schule und an einer Blinden·schule.

Was ich interessant finde:

An der Regel·schule gab es keine Vor·urteile.

Aber an der Blinden·schule schon.

Die Blinden·schule lag in einer Großstadt.

Es gab sehr viel Schubladen·denken:

  • von den Lehrern
  • von den Schülern
  • von den anderen Auszubildenden

Es gab viele Vor·urteile und Sprüche.

Also abwertende Sprüche.

Ich war oft im Mittelpunkt.

Auch bei einem Streit:

Immer wurde mir die Schuld gegeben.

Zum Beispiel:

Wenn ich mich ein bisschen verspätet habe.

Für mich gab es immer Ärger.

Die anderen haben nichts bekommen.

Oder wenn ich meine Meinung gesagt habe.

Auch wenn ich ruhig und sachlich war.

Ich war immer an allem schuld.

Das hat mich sehr getroffen und verändert.

Auch bei Bewerbungen habe ich Rassismus erlebt.

Das war in Bewerbungs·gesprächen.

Zum Beispiel bei öffentlichen Behörden.

Da habe ich gefühlt:

Blind und Migrations·hintergrund?

Oder blind und Muslima?

Das heißt unfähig.

Auch wenn das niemand gesagt hat.

 

Wie kann dein Alltag selbst·verständlicher werden?

Erstens:

Das Schubladen·denken muss einfach aufhören.

Damit meine ich:

Das Bild einer blinden Frau mit Kopftuch im Islam.

Eine Frau mit Kopftuch kann keine Bildung bekommen.

Eine blinde Frau kann sich nicht selbst·ständig bewegen.

Sie kann keine eigenen Entscheidungen treffen.

Dieses Denken muss einfach aus den Köpfen raus.

Nur dann ist ein Mit·einander möglich.

Nur dann ist das Mit·einander friedlich und einheitlich.

Menschen mit muslimischem Hintergrund und Behinderung gehören dazu.

Genau wie alle anderen Menschen mit Migrations·hintergrund oder Behinderung auch.

Die Menschen müssen uns eine Chance geben.

Wir sprechen schon viel über das Thema.

Es gibt sehr viele Diskussionen und Berichte.

Aber:

Wir machen noch nichts.

Und ich finde:

Das muss aufhören.

Dann können alle selbst·verständlich leben.